Artikel: Die 100-Kilo-Sack-Diät
Artikel aus Berliner Zeitung (http://www.berliner-zeitung.de) vom 22. September 1999
Kickbox-Fitness ist in den USA eine Alternative zu Aerobic - auch in Berlin treten jetzt die Frauen zu
von Louise Brown
Schön und schlank wie Claudia Schiffer - mit diesem Ziel vor Augen schoben Millionen Frauen viele Jahre regelmäßig das Video "Claudia Schiffer Body Perfect" ins heimische Videogerät und turnten auf dem Wohnzimmerteppich die Bauchmuskelübungen des Topmodels nach. Wenn es nach Fitness-Gurus aus den USA geht, ist die Zeit des Soft-Aerobics in figurbetonten Gymnastikanzügen vorbei. Kickboxen heißt der neue Trend. Längst stählt auch Claudia Schiffer ihren Körper nach dieser Methode.
Die Mischung aus Karate und Boxen gilt als perfekter Kalorienkiller. Seit langem in den USA beliebt, kommt jetzt diese neue Sportart in den deutschen Fitness-Studios.
Der Trend geht weg von komplizierten Schrittfolgen à la Jane Fonda, hin zum schweißtreibenden Kickbox-Training: Schon die Ägypter sollen vor 4 000 Jahren ein ähnliches Überlebenstraining gekannt haben.
Wieder salonfähig wurde die Sportart in den 70er-Jahren durch den Amerikaner Joe Lewis, der in der Branche als "bester Karatekämpfer aller Zeiten" gilt. Im Gegensatz zu den Übungen der Ägypter wird bei "Kickbox-Fitness" freilich nicht gegen jemanden gekämpft: Als "Gegner" dient ein mit Sand gefüllter Sack, der auf dem Boden steht. Das Aerobic-Studio wird zum Boxring. Das hat gleich zwei Effekte: Frauen halten sich mit Kampfsport fit, und erstmals trauen sich auch wieder Männer in die Aerobic-Räume, die lange Zeit eine reine Frauendomäne waren.
Freitagabend im Fitness-Center Gold"s Gym in der Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg: An diesem Abend steht die Fitness-Center-Welt Kopf. Im Aerobicraum schwitzen an diesem Abend überwiegend Männer. Statt "Bauch-Beine-Po" heißt es zum ersten Mal im Gold"s Gym: Kickbox-Fitness.
"No Körperkontakt"
Punkt 19 Uhr, die Übungsstunde beginnt - zunächst ohne Sack, pures Schattenboxen. John, Trainer aus den USA und seinen beiden Kollegen Trey und Scott, erklären die wichtigsten Regeln: "No Körperkontakt". Bald dröhnen die Technobeats aus Lautsprechern. John gibt Befehle: "Box right!", und die zwanzig Teilnehmer schlagen mit der rechten Faust nach dem imaginären Gegner. Es dauert nicht lange, dann werden die zunächst zaghaften Schläge zackiger, kräftiger. Nach dem Aufwärmtraining wird es ernst: John teilt die Boxhandschuhe aus, die Sandsäcke werden aufgestellt.
Zwei Minuten trommelt die 31-jährige Anke Jahn auf den 100 Kilogramm schweren "Bag" ein. Der Schweiß läuft. "Ich hätte nie gedacht, dass das so anstrengend sein kann", sagt die Studentin, die seit Jahren Aerobic macht. Die hohe Intensität erklärt sich aus der vielseitigen Belastung: Zum Schlagen kommt schließlich auch noch das Treten hinzu: Das Bein schön hoch, den Oberkörper leicht zur Seite geneigt - wie in Karatefilmen.
Übungsleiter John achtet darauf, dass das Bein nicht zu hoch schwingt und die Bewegungen nicht zu ruckartig geraten. Sportmediziner warnen nämlich vor allzu überzogenen Tritten: Ungeübte können sich dabei nämlich relativ schnell verletzen. Die drei Trainer im Gold"s Gym laufen von Teilnehmer zu Teilnehmer, kontrollieren und korrigieren die Körperhaltung "Es kommt nicht auf die Höhe des einzelnen Kicks an", sagt John. Physiologisch wichtiger sei eine optimale Streckung des Beines und der Schwung.
Auch bei den Schlägen unterbricht der Übungsleiter immer wieder. Unter den Hieben von Anke wackelt der Sandsack schon verdächtig. Die Musik wird schneller, die Befehle der Trainer schärfer, das Trommeln der Fäuste auf die Bags lauter. "Man fühlt sich wie in Trance", sagt sie. John stoppt sie, erklärt: "Es ist nicht Sinn der Sache, unkontrolliert auf den Bag einzudreschen." Neben Fitness ist Körperbeherrschung das oberste Ziel. Während seiner Arbeit hat er eine Feststellung gemacht: "Es sind häufig die Damen, die man zurückhalten muss. Die schlagen oft sehr hart zu" - Fitness-Training als Aggressionsabbau.
In Amerika ist der Sport längst ein gutgehendes Geschäft: "Bei uns ist Kickbox-Fitness inzwischen auch bei Großmüttern sehr beliebt", sagt Trainer Scott.
KICKBOX-FITNESS
Box-Aerobics, Box-Conditioning und Thai-Aerobics heißen Varianten von Kampfsport-Fitness, die man schon in Berliner Studios betreiben kann.
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